Der Buchtipp für den Monat Juni

Christoph Wortberg, Gussie:  Wer kennt schon Gussie Zinsser, die 2. Ehefrau von Konrad Adenauer, mit der er seit 1919 verheiratet war? In einer romanhaft geschriebenen Biografie, erzählt der Autor vom Leben der jungen, protestantisch und liberal erzogenen Auguste Zinsser, die einen fast doppelt so alten Witwer mit 3 Kindern heiratet. Sie konvertiert zum katholischen Glauben und wird Mutter von 5 weiteren Kindern. Bis 1933 lebt sie, an der Seite des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, ein politisch interessantes Leben. Als ihr Mann sämtliche Ämter verliert, beginnt auch für sie eine Zeit der Angst um die Zukunft der Familie. Auf ihrem Sterbebett , im Frühjahr 1948, lässt Gussie Adenauer ihr außergewöhnliches Schicksal noch einmal an sich vorüberziehen. 

Christoph Wortberg        Gussie                                                DTV     24,00 €

Der Buchtipp für den Mai 2024

Die Feiertage im Frühling laden ein zum Schmökern im Liegestuhl.

Trude Teige,“ Und Großvater atmete mit den Wellen“ gehört eindeutig zur Gattung der Schmökerliteratur.

Nach dem Schicksal der Großmutter Tekla im Buch „Als Großmutter im Regen tanzte“, beschreibt die Autorin nun den Lebensweg von Konrad, dem Großvaters von Enkelin Juni Bjerke. Im Pazifik wird 1943 ein norwegisches Handelsschiff von einem japanischen U-Boot angegriffen und versenkt. An Bord waren Konrad und sein Bruder Sverre. Beide Brüder überleben den Untergang und Sverre kommt in ein japanisches Arbeitslager auf die Insel Java. Auch Konrad schafft es nach Java und lernt dort, in einem Krankenhaus, die norwegische Krankenschwester Sigrid kennen. Beide verlieben sich ineinander. Im Laufe des Krieges geraten beide in japanische Gefangenschaft. Unter schlimmsten Bedingungen überleben beide, getrennt voneinander, die Grausamkeiten in den Lagern der Japaner. Im August 1945 treffen beide wieder aufeinander und planen die gemeinsame Zukunft in ihrer Heimat Norwegen. Das Buch ist zwar ein Roman, doch vieles hat die Autorin aus Zeitzeugenberichten und Tagebüchern übernommen. Trude Teige hat hier ein mitreißendes und beeindruckendes Buch geschrieben. 

 Trude Teige        Und Großvater atmete mit den Wellen     Fischer    € 24,00


 

Das zweite Buch “Was der Morgen bringt“ von Eva Ibbotson, ist unter dem Titel „Die Morgengabe“ bereits 1999 erschienen, und es geht dabei nicht allein um die große Liebe. Denn die junge Österreicherin Ruth heiratet den Engländer Quinton nur, um ihr Leben zu retten. Als 1938 Hitlers Truppen in Wien einmarschieren, kann die Familie gerade noch rechtzeitig nach England entkommen. Nur Ruth bleibt, wegen eines Formfehlers in Wien zurück. Um nach England einzureisen, muss sie eine Scheinehe mit Quinton Somerville eingehen. Er ist ein alter Freund ihres Vaters und hat nun in London ein wachsames Auge auf seine „Frau“ Ruth. Diese wartet derweil sehnsüchtig auf ihre große Liebe, den jungen, ungarischen Pianisten Heini. Mit allen Mitteln versucht Ruth, die Scheinehe rückgängig zu machen. Als der 2. Weltkrieg ausbricht, werden alle Pläne von Ruth über den Haufen geworfen. Charmant und witzig erzählt die Autorin von Ruths Schicksal und ihrem Überleben in England.

Eva Ibbotson                 Was der Morgen bringt                                 Kampa    €  24,00

Der Buchtipp für den April 2024

Stefanie Gerhold, Das Lächeln der Königin: 

Als 1913 die Büste der ägyptischen Königin Nofretete in Berlin eintrifft, sind der Archäologe Ludwig Borchardt und sein Mäzen, der reiche Tuchhändler James Simon, von ihrer Schönheit bezaubert. Es ist kaum fassbar das Frankreich, damals zuständig für die Ausgrabungsfunde in Ägypten, diesen Schatz einfach den Deutschen überlässt. Erst nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, wird die Büste 1924 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die Berliner Bevölkerung ist von ihrer Anziehungskraft fasziniert. Doch inzwischen kommt es zu einem Streit zwischen Frankreich, Ägypten und Deutschland, über den rechtmäßigen Besitz der Nofretete. Wohin gehört sie wirklich? Mit viele Spannung, detailliert und kenntnisreich, erzählt die Autorin in ihrem Roman die Geschichte der Büste und ihrer Ausgrabung in Tell el-Amarna. Besonders hebt sie den Bezug zwischen dem Ausgräber Ludwig Borchardt und seinem Geldgeber James Simon hervor. Beide sind vom Alten Ägypten begeistert, der eine von den vielen Schätzen, die man noch ausgraben kann, James Simon von der Schönheit der Funde, speziell natürlich der Büste der Königin Nofretete. 

Stefanie Gerhold           Das Lächeln der Königin               Galiani                € 23,00

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In eine andere Ecke der Welt, führt der Bericht von Tilmann Bünz, Vorfahrt für Rentiere:

Wer träumt nicht von eiskalten Nächten, Nordlichtern und Rentieren, wenn er den Namen „Lappland“ hört. Dass dies nicht der wirkliche Name der nördlichsten Region Schwedens ist, erklärt der Autor in seinem Buch. Als ARD-Korrespondent reiste Tilmann Büze jahrelang durch die Weiten von „Sapmi – dem Land der Samen“. Er beschreibt die Schwierigkeiten der Urbevölkerung mit den Bergbauunternehmen, den uneinsichtigen schwedischen Jägern und Fischern und jenen Schweden, die die Rentiere einfach nur abschlachten und damit den Samen ihre Lebensgrundlage nehmen. Aber er lässt die Leserinnen und Leser auch teilhaben am Leben der Samen mit der Natur, ihren Tieren, ihren Wanderungen und dem Tourismus. Und er lässt Menschen zu Wort kommen, die von ihren Befindlichkeiten in Romanen, oder in den besonderen, samischen Liedern erzählen. Tilmann Bünz nimmt uns mit auf eine spannende Jahreszeitenreise durch die nördlichsten Landschaften Europas: Schweden, Norwegen und Finnland. 

Tilmann Büze       Vorfahrt für Rentiere                                btb           € 12,00

 

Der Buchtipp im Frühjahr

Wir leben im Moment in schwierigen Zeiten und das erste Buch ist eine Biografie einer unwahrscheinlichen Überlebensgeschichte. Mit viel Einfühlungsvermögen beschreibt Daniel Finkelstein – der auch Chefredakteur bei der Londoner Times war – die Geschichte seiner Familie. Es geht um Verfolgung, Ausgrenzung, Widerstand und Überleben in Deutschland, Holland, im polnischen Lemberg, in Sibirien, Kasachstan und dem Iran während des 2. Weltkriegs. Beide Großelternteile des heute 64jährigen Autors, stammen aus angesehenen, begüterten jüdischen Familien. Sie versuchen – oft mit dem Mut der Verzweiflung – die schwierigen Situationen, unter den jeweils schlimmsten Diktatoren der 30er und 40er Jahre, zu überstehen. Ob unter Hitler in Westerbork und Bergen-Belsen, oder in den Gefangenenlagern unter Stalin, versuchen die Großeltern das Überleben ihrer Kinder zu sichern. Ein bewegender Bericht über einen grausamen Teil des 20. Jahrhunderts.

 Daniel Finkelstein   Hitler, Stalin, meine Eltern & ich    Hoffmann und Campe  € 28,00

Eine ganz andere Seite dieser Zeit beschreibt Mechthild Borrmann in ihrem Buch: Feldpost. Auf z. T. wahre Lebensgeschichten bezieht sich dieser Roman, denn die Autorin recherchierte dafür in den Tagebuch-Archiven in Emmendingen in Baden. In einem Cafè in Kassel, kommt eine fremde Frau auf die Anwältin Car Russo zu. Sie übergibt ihr eine Tasche, mit Liebesbriefen aus der Zeit vor und während des 2. Weltkriegs. In Kassel lebten in dieser Zeit die Familien Kuhn und Maertens mit ihren Kindern. Nach einem Gefängnisaufenthalt von Gerhard Kuhn, wegen Sabotage gegen den Führer, verliert die Familie Vermögen und Ansehen in der Stadt. Tochter Adele versucht die Mutter zu unterstützen, denn Sohn Albert geht noch zur Schule. Als G. Kuhn aus dem Gefängnis zurückkommt, fliehen beide Eltern zu Freunden nach Frankreich.  Adele und Albert bleiben in Kassel und werden dort von der Familie Martens unterstützt. Deren Kinder, Richard und Dietlind, sind sehr eng mit Adele und Albert befreundet, doch es ist eine besondere, gefährliche und verbotene Freundschaft zwischen den jungen Männern. Beide erleben den Eingriff des Staates auf harte Weise. Richard muss sofort an die Front, Albert kommt ins Zuchthaus. Doch wie geht es mit Adele, Dietlind und den Familien Kuhn und Martens weiter? Und an wen sind die Feldpostbriefe gerichtet?

Mechthild Borrmann   Feldpost                                    Droemer Knaur      € 11,99  

 


Der Buchtipp für das neue Jahr 2024

Mit zwei Buchvorstellungen starten wir in das Jahr 2024. Es ist eine unterhaltsame Geschichte von Elke Heidenreich und ein nachdenkliches Buch über das Sterben von Bernhard Schlink. Beginnen wollen wir mit der Unterhaltung:

Elke Heidenreich, Frau Dr. Moormann und ich:   Frau Dr. Moormann, die kleinliche Nachbarin der Autorin, beschwert sich gerne über alles und jeden. Es liegt zu viel Laub auf dem Gartenweg, das Klavierspiel ist zu laut, das Lachen der Freundinnen von Elke Heidenreich ist zu schrill und die Bepflanzung des Gartens ist botanisch nicht immer korrekt. Dazu kommt noch das Gebell des liebenswerten Mops Gustav. Doch eines Tages ändert sich Frau Dr. Moormanns Verhalten, denn Gustav, den sie nur mit seinem slawischen Namen Gostislav ruft, darf an ihrem Krankenbett Wache halten. Und danach wird aus einem schwierigen Nachbarschaftsverhältnis doch noch ein freundschaftliches Nebeneinander. 

Elke Heidenreich       Frau Dr. Moormann und ich            Hanser    € 20,00

 

Bernhard Schlink, Das späte Leben:  Martin Brehm ist 76, hat eine junge Frau und einen kleinen, sechsjährigen Sohn. Nach einem Arztbesuch erfährt er, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet und nur noch kurze Zeit zum Leben hat. Was kann er David, für eine Zukunft ohne Vater, mit auf den Weg geben? Noch kann er sich um den Kleinen kümmern, doch wie schaut es in 2 Monaten aus? Martin beschließt Briefe an David zu schreiben, mit ihm einen Komposthaufen anzulegen, mit ihm Lego zu bauen und Wandern zu gehen. Aber die Liebe zu seiner jungen Frau Ulla, stellt Martin noch vor Überraschungen und große Herausforderungen.

 Bernhard Schlink     Das späte Leben                                        Diogenes  € 26,00